Lassen Sie mich mit einem kleinen Outing beginnen: Ich liebe romantische Liebesfilme – sehr zur Unterhaltung unserer Kinder. Alte Klassiker wie Ein Herz und eine Krone oder Casablanca – ach, wie schön! Neue Klassiker wie Love Actually, Harry & Sally oder About Time – wunderherrlich! Oder romantische Serien wie Modern Love. Er liebt sie oder ihn – sie liebt ihn oder sie. Und dann beginnt es, kompliziert zu werden.
Ich glaube ja, dass sich auch die Bibel am besten als Liebesgeschichte verstehen lässt. Die tragisch verwickelte Liebe Gottes zu uns Menschen und von uns zu Gott. Nehmen Sie allein den Anfang. Wie tiefenverliebt spricht Gott als Schöpfer da von uns, seinen Geschöpfen: „Und siehe, es war sehr gut.“ An jedem Abend der Welt flüstert dies Gott vor sich hin – vom ersten Tag an bis heute. Doch spätestens im dritten Kapitel verlieren Mensch und Gott sich dann aus den Augen: „Adam, wo bist du?“ Und der Mensch in seiner Liebesblödigkeit verfranzt sich, geht zielsicher immer wieder in die Irre – baut Türme bis zum Himmel, streitet eifersüchtig mit seinen Geschwistern, wer das bunte Kleid bekommt, pflanzt Gärten, nur um die Welt dann wieder zu verwüsten. Und es beginnt die verzweifelte Suche des Menschen nach sich selbst, nach dem Mitmenschen, letztlich nach dem Urgrund allen Lebens – nach Gott. „Wer bin ich?“, „Soll ich meines Mitmenschen Hüter sein?“, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“.
Der Kirchenvater Augustin hat die menschliche Liebesblödigkeit einmal so beschrieben: „Wir wurden geschaffen, um die Welt zu nutzen und Gott als die Liebe selbst zu lieben – und wir? Nutzen Gott, um uns im Materiellen zu verlieren.“ „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?” Gott als Erfüllungsgehilfe meines Konsums.
In der Geschichte Israels wie der Menschheit suchen, finden, verfehlen Gott und Mensch sich also ständig. Die Liebesgeschichte droht, gefährlich zu scheitern. Bis es zum ultimativen Plot-Twist kommt: Gott wechselt die Seite. Wird gleichzeitig Liebender, Geliebter und Liebe in einem. Gott verliert sich – um an der Seite des sich immer wieder verirrenden Menschen zu sein. Christus wird selbst zum verlorenen Sohn, damit er das verlorene Schaf, den verlorenen Groschen und uns verlorene Geschwister findet.
Christus weckt in uns Liebesfähigkeit, indem er selber schwach, liebesbedürftig wird. Und vielleicht können wir die eine, ewige, allumfassende Liebe Gottes gar nicht lieben, wenn sie uns nicht in Schwäche und Liebesbedürftigkeit begegnet. Einen perfekten Gott können wir fürchten, verehren, anbeten, bewundern, doch lieben, wirklich lieben können wir Gott vielleicht nur, wenn Gott selbst klein, schwach, arm, krank, fremd, einsam, eben liebesbedürftig wird. „Was ihr einem dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr mir getan.“
Davon handelt der Wochenspruch Lukas 19,10: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Der Vers stammt aus einer kleinen biblischen Geschichte – einer Miniatur in Sachen Liebes-Twist. Jesus Christus, der berühmte jüdische Wanderrabbi und Wunderheiler, kommt durch Jericho. Und oben im Baum sitzt der korrupte, geldgeile, unansehnliche Zachäus. Ein Kollaborateur, Krisengewinnler, krummer Typ, aus dem nichts Gerades werden kann. Vielleicht hat der am Ende auch noch AfD gewählt – wir wissen es nicht.
Aber sicher einer, der sich in der Schlange vordrängelt, im Stau keine Rettungsgasse bildet oder auf Behindertenparkplätzen parkt. Und just bei diesem Menschen bleibt Jesus stehen, ruft ihn runter, kehrt bei ihm. Weil Jesus auch in ihm das geliebte Gotteskind erkennt, genauso liebesblöde wie wir alle. Einer, der eben auch geliebt und gemocht werden möchte, sich nach Anerkennung sehnt, so gerne einmal im Zentrum der Gemeinschaft stünde – und der zielsicher alles tut, dass genau das nicht passiert.
Indem Jesus sich bei diesem Zachäus einlädt, seine Gastfreundschaft beansprucht, indem Jesus sich bedürftig macht, schenkt er ihm, was er sich mit all seinem Geld niemals kaufen konnte: Er wird zum Liebenden. Der Menschensohn findet das verlorene Gotteskind.
Der Name Zachäus bedeutet: „Gott hat sich erinnert.“ Wie tröstlich, dass es einen gibt, der sich meiner erinnert, wenn ich mich wieder einmal in meiner Liebesblödigkeit auf meiner Palme verkrochen habe. Wenn ich mich wieder einmal an die Welt verliere, anstatt die Liebe Gottes zu lieben. Und wie schön, wenn Christus dann in mir die Fähigkeit zum Lieben weckt, indem er mir die Ehre gibt und schwach, liebesbedürftig bei mir einkehrt und mir so zeigt, was ich anderen an Liebe geben kann.
Ein Herz und eine Krone. Love Actually. Modern Love. Am Ende – so viel wird in der biblischen Love-Story bereits gespoilert – wird die Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen einmal gut ausgehen. Am Ende kriegen wir uns: Gott und Mensch, Mensch und Gott. Doch bis es so weit ist, ist es an uns, die Liebesgeschichte Gottes fortzuschreiben. Es ist an mir, als „happy loser“, als gesegneter Verlierer, mich auf die Suche nach den anderen Verlorenen zu machen. Es ist an mir, in meinem Nachbar den Zachäus, das Gotteskind, zu entdecken – all seiner und meiner Liebesblödigkeit zum Trotz. Es ist an mir, mich von Christi amoralischer Liebeskreativität anstecken zu lassen.
Theologische Impulse (204) von Präses Dr. Thorsten Latzel
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