„Wir sind alle rassistisch sozialisiert“

David Gabra (45) ist Pfarrer in Essen-Kettwig und Ansprechpartner für Beschäftigte der rheinischen Kirche, die Rassismus erfahren. Geboren wurde er 1979 in El Minia in Mittelägypten. In Hurghada leitete er neun Jahre lang die erste evangelische Gemeinde am Roten Meer und gründete dort auch einen Kindergarten und eine Schule. Seit 2014 lebt er in Deutschland.

 

Herr Gabra, was gab den Anstoß für das Antirassismus-Projekt?
David Gabra:
In der Kirche ist das Thema Rassismus besonders kompliziert, weil wir oft denken, wir seien die Guten. Die Liebe Gottes gilt schließlich allen Menschen, unabhängig von Hautfarbe oder Sprache. Es gab dann in meinem Dienst als Pfarrer verschiedene rassistische Vorfälle, bei denen das Gefühl entstand: Du gehörst nicht dazu. Erst sucht man die Fehler bei sich selbst, bis man begreift: Wir sind alle auf diese oder jene Weise rassistisch sozialisiert. Aber das Wort Rassismus in der Kirche zu verwenden, ist schwierig: Menschen fühlen sich angegriffen und aus Opfern können schnell Täter gemacht werden. Ich habe mich gefragt, an wen man sich wenden könnte. Es gibt in unserer Kirche bisher keine Strukturen, um die Mitarbeitenden zu schützen. Als Mitglied des Beirats der Stabsstelle Vielfalt und Gender habe ich auf unserer Klausurtagung im Juni 2024 darum den Anstoß gegeben, sich dem Thema zu stellen.

Was sind Ihre eigenen Rassismuserfahrungen?
Gabra:
Nach der Auseinandersetzung um Remigration Anfang 2024 haben wir in unserer Gemeinde ein Banner für Vielfalt und gegen Rassismus aufgehängt. Es wurde mehrfach mit rassistischen Parolen beschmiert. Das hat mir gezeigt, dass das Selbstbild, wir hätten hier mit Rassismus nichts zu tun, nicht stimmt. Auch bei einer Kasualie kam es zu rassistischen Beleidigungen, sodass ich die Superintendentin einschalten musste, die sehr gut reagiert hat. Aber ich kenne viele Mitarbeitende unserer Kirche, die in einer solchen Situation nicht wissen, wo sie Unterstützung bekommen.

Welche Schwerpunkte hat die Unterstützungsstruktur?
Gabra:
Der erste Punkt ist die Einrichtung einer Meldestelle. Das ist sehr wichtig, damit wir als Kirche das Thema überhaupt wahrnehmen können. Die Meldestelle verschickt dann Informationen zu Beratungsangeboten. Als Zweites geht es um Empowerment und Vernetzung. Es tut gut, wenn man weiß, dass man mit seinen Gefühlen und Verletzungen nicht allein ist und es einen Raum gibt, in dem man Unterstützung erfährt. Und zum Dritten ist das Projekt ein Zeichen dafür, dass wir unsere Kirche als sicheren Ort für unsere Mitarbeitenden gestalten wollen.

Wie weit sind Sie mit der Umsetzung?
Gabra:
Die Meldestelle ist ab sofort per Mail und telefonisch erreichbar. Sie wird zunächst von der Stabsstelle Vielfalt und Gender mitbetreut, aber mittelfristig hoffen wir, dass sie über die Personalabteilung professionell besetzt werden kann. Die Mitarbeitenden, die sich um die Meldestelle kümmern, müssen auch noch geschult werden. Und für das Empowerment-Netzwerk ist ein erstes Auftakttreffen am Donnerstag, 30. Oktober, von 10 bis 14 Uhr im Unperfekthaus in Essen geplant. Nach der Landessynode soll es im Februar 2026 auch eine Empowerment-Tagung geben. Wer Interesse hat, schreibt mir bitte direkt eine Mail.

Angesprochen ist die Fürsorgepflicht der Kirche als Arbeitgeberin. Sind auch Schulungen für Personalverantwortliche vorgesehen?
Gabra:
Dazu brauchen wir zunächst die Meldestelle, also Statistik und Geschichten, auch wenn sie anonym bleiben. Wenn wir dadurch wahrnehmen, dass es Rassismus auch in der Kirche gibt, können wir viel bewegen und dann auch gezielt Schulungen und Workshops anbieten.

Sie leben seit elf Jahren in Deutschland. Hat sich aus Ihrer Sicht in der Zeit der Umgang der Kirche mit dem Thema Rassismus verändert?
Gabra:
In den vergangenen fünf Jahren hat sich eine langsame Veränderung bemerkbar gemacht. Das ging Schritt für Schritt, auch durch Menschen in der Kirche, die inzwischen laut sind und Druck machen. Nach dem Antrag der Evangelischen Jugend war Rassismus auf der Landessynode im Februar sogar ein Schwerpunktthema. Ich hoffe, diese Reaktion erfolgt nicht zu spät, wie es bei sexualisierter Gewalt der Fall war. Wir brauchen Tempo, um nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln. Kirche will versöhnen und für alle Menschen da sein, aber wir haben auch den klaren Auftrag, auf der Seite der Marginalisierten zu stehen. Dieser Zwiespalt beschäftigt mich auch bei diesem Projekt. Ich hoffe, dass das Thema Rassismus nicht länger tabu bleibt.

 

Dieser Beitrag ist der aktuellen Ausgabe des Magazins EKiR.info für die Mitglieder der Presbyterien entnommen. Das komplette Augustheft finden Sie zum Download hier

  • 19.08.2025
  • Ekkehard Rüger
  • Katya Gogoleva