Unsere Welt ist oster-reif

Unsere Welt ist oster-reif, dringend oster-reif, so wie schon lange nicht mehr. In der Kar- und Osterwoche geht es genau darum. Es geht um politische Gewaltherrscher, eine Gemeinschaft, die droht auseinander zu fliehen, Versöhnung, Verleugnung, Verrat – und um Hoffnung, jenseits aller Horizonte.

Es beginnt mit Palmsonntag – und mit den vielen, die sich nach einem starken Mann sehnen. Nach einem, der endlich mit den Römern aufräumt. Einem neuen König David. Doch so ist die Welt nicht zu retten. Jesus Christus widerspricht diesen Phantasien. Er unterläuft oder genauer: unter-reitet sie. Auf einem einfachen Esel kommt er daher. Jesus Christus – das krasse Gegenbild zu den Autokraten aller Zeiten und Weltgegenden, die sich selbst gern als Friedensbringer bezeichnen, das oft sogar selbst glauben und für „ihren“ Frieden über Leichen gehen. Nein, so ist die Welt nicht zu retten, damals so wenig wie heute.

An Gründonnerstag lebt Jesus Christus vor, wie es anders geht. Die Gemeinschaft der Jünger/innen droht zu zerreißen. Die einen wollen gerne selber groß sein, die anderen wollen ihn endlich handeln sehen. Sie alle schwören ewige Treue – und sind kurz davor, ihn zu verraten, zu verleugnen, zu verlassen. Doch Christus lädt sie, die kaum noch miteinander reden können, ein letztes Mal ein, miteinander zu essen. Das hat seinen Preis. Es wird ihn sein Leben kosten. „Mein Leib für euch gegeben.“ „Mein Blut für euch vergossen.“ Ohne diese Selbsthingabe aus Liebe ist uns, unserer Welt nicht zu helfen.

An Karfreitag wählt Gott letztgültig die Seite. Der Herrscher der Welt – gegenwärtig in dem ohnmächtig Gekreuzigten. In Christus tritt Gott nicht nur an die Seite der Opfer. Er wird selbst zum Opfer – und durchbricht so die Logik der Gewalt mit ihrem: „Immer Hammer sein, nie Amboss.“ Der Vorhang zum Allerheiligsten zerreißt. Mit Karfreitag ist ein für allemal deutlich, wo Gott zu finden ist: bei den Verlieren, Verletzten und Verfolgten. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Frage der Gerechtigkeit wird am Ende nicht mit Gewalt entschieden. Da ist Christus vor.

Am Ostermorgen öffnet Gott dann einen neuen Horizont – jenseits von allem, was wir zu träumen oder hoffen wagen: Leben über den Tod hinaus. Liebe, die stärker ist als Sünde, Unrecht und Gewalt. Und eine neue Gemeinschaft, die aus Versöhnung lebt und sie anderen zusagt. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte oder Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,38f.)

Unsere Welt ist oster-reif, dringend oster-reif. Weil wir es als Menschen gerade richtig vermasseln. Wir steuern an vielen Stellen komplett in die falsche Richtung.

– Wir geben zig Milliarden weltweit für Rüstung aus, obwohl wir jeden Cent gegen den Hunger bräuchten – im Sudan, im Kongo, im Libanon, in Gaza, auf Haiti, an zahllosen anderen Orten.
– Wir fahren unsere Erde sehenden Auges ökologisch gegen die Wand, obwohl Klimaforscher/innen schon heiser werden vor lauter Warnungen und wir jedes Jahr neue Katastrophen erleben.
– Wir bekommen es immer weniger hin, mit denen zu reden, die anderer Meinung sind: zuzuhören, zu verstehen, geschweige denn, miteinander zu essen.
– Wir sind selbst allzu oft geblendet von Geld, Macht, Ansehen – und verlieren unsere Bestimmung und den Weg aus dem Blick, den Christus uns als Eselreiter gewiesen hat.

Gott, lass Ostern werden bei uns.

Danke, dass Du in Christus die Gewalt durchbrochen hast.
Danke, dass Du Hoffnung weckst, wo wir nur noch Nacht, Fels und Grab sehen.
Danke, dass Du Leben schaffst aus dem Tod.
Danke, dass Deine Liebe am Ende siegt.

Lass uns Christus nachfolgen.
Mach uns zu Bot/innen seiner Versöhnung.

Gott, lass Ostern werden in uns. Amen.

 

Ihnen und Ihren Familien eine gesegnete Kar- und Osterzeit.


Theologische Impulse (199) von Präses Dr. Thorsten Latzel

Bildnachweis: pixabay

Weitere Impulse: www.glauben-denken.de
Als Buch: www.bod.de

Hinweis: Die Theologischen Impulse werden auf verschiedenen Webseiten ausgespielt. Die Kommentarfunktion können Sie nutzen, wenn Sie diese Seite direkt über das Blog unter praesesblog.ekir.de besuchen.

  • 31.03.2026
  • Thorsten Latzel
  • Red