Ein Berg. Menschen versammeln sich. Sie hören Freiheitsworte: über das Leben, für das Leben. Wer die Bibel kennt, erkennt das Bild. Mose auf dem Sinai. Der Berg, auf dem Israel die Tora gegeben wird. Weisung für ein Leben in Freiheit.
Und dann erzählt Matthäus eine zweite Geschichte: wieder ein Berg. Menschen versammeln sich. Sie hören Freiheitsworte: über das Leben, für das Leben. Das ist kein Zufall, sondern bewusste theologische Erinnerung. Der Jude Jesus wird von Matthäus in die Tradition des Mose gestellt. Beide kommen aus Ägypten. Gehen durch Wasser und Wüste. Führen Menschen aus Bedrohung in Freiheit. Und schließlich auf einen Berg.
Dort spricht Jesus. Nicht gegen die Tora, sondern aus ihr heraus. Als Fortschreibung, als Auslegung für das Reich Gottes. Jesu Worte beginnen dort, wo Moses Worte geendet haben: Beim Segen. Seligpreisungen. „Selig sind …“ Segensworte für Menschen, die diese gott-geschenkte Freiheit leben. Glückwünsche zu einer bestimmten Weise zu leben. So wie Mose am Ende einst Segen über die Stämme Israels sprach (vgl. Dtn 33).
Keine Forderung. Kein moralischer Imperativ. Sondern ein Indikativ der Hoffnung. Bemerkenswert ist: Die Glückwünsche stehen quer zur Welt. Sie sind gegen den Augenschein. Kontraintuitiv. Sie gelten nicht den Erfolgreichen. Nicht den Mächtigen. Nicht denen, die oben sind. Sondern denen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Den Friedensstifterinnen, Barmherzigen, Sanftmütigen, Leidtragenden, Verfolgten, Menschen reinen Herzens. Denen, die aus der anderen Wirklichkeit Gottes leben. Solche Worte brauchen wir: dringend, gerade in diesen Tagen.
Fünf Gedanken zu einer Ethik gott-geschenkter Glückseligkeit
1. Von gesegneter Sehnsucht
„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ Biblisches Glück beginnt markanter Weise nicht mit Zufriedenheit, sondern mit Unruhe. Hunger und Durst sind keine romantischen Bilder. Sie sind existenziell und sie tun weh. Wer hungert, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. „Wer hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, ist sehend geworden für die wahre Wirklichkeit dieser Welt“, so der Theologe Girgensohn.
Es gibt kein seliges Leben in den Rissen und Brüchen dieser Welt außer in Sehnsucht.
– Wenn Bomben fallen, Menschen flüchten, Angst um ihre Kinder haben.
– Wenn antisemitischer Hass wieder laut wird – auf unseren Straßen, auf den Schulhöfen, in digitalen Räumen.
– Wenn Menschenwürde auf Demoplakaten gefordert werden muss, damit sie überhaupt gesehen wird.
Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben viele Gesichter. Sie lassen uns nicht zufrieden sein mit der Welt, wie sie ist. Pointiert formuliert: Es gibt ein gesegnetes Unglücklichsein, einen heiligen Hunger. Seligkeit beginnt damit, dass wir spüren: Das kann und darf nicht alles sein.
2. Quellenpflege oder: vom Sehen der Angesehenen
„Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Im Herzen der Seligpreisungen steht das Herz. Im biblischen Denken ist es nicht der Ort romantischer Gefühle, sondern das Zentrum des Menschen. Alles beginnt im Herzen. Dort entstehen Denken, Wollen, Handeln. Es ist Ursprung allen Lebens. Darum geht es bei Herzensreinheit: nicht um Emotionalität oder moralische Perfektion. Sondern um Quellenpflege, persönliche Integrität. Ein Leben ohne doppelten Boden, in dem Inneres und Äußeres zusammenpassen. Kein religiöses Theater. Keine fromme Fassade. Vielmehr ein ursprungsgemäßes, integres Leben. Leben in Übereinstimmung mit sich selbst, aus ungeteiltem Herzen.
Die paradoxe Pointe dabei ist: Dass wir unser eigenes Herz gar nicht kennen. Wir sind uns selbst verborgen. Gott allein schaut in die Herzen. Ein reines Herz ist daher eines, das von Gottes Licht durchleuchtet, angeschaut wird. Darum auch diese große spiegelbildliche Hoffnung: „denn sie werden Gott schauen.“ Niemand kann Gott einfach sehen. Aber wir können uns von Gott ansehen lassen. Und dann – als Angesehene Gottes – erkennen, wie wir erkannt sind.
Und am Ende aller Tage – so die Hoffnung – wird Gott sein alles in allem. Dann werden wir in Licht und Wahrheit leben. Im Schauen, nicht mehr im Glauben. Und manchmal blitzt etwas davon schon jetzt auf. In Momenten innerer Klarheit. Wenn Gott uns anschaut und wir frei werden, anders zu leben: mutiger, liebevoller, versöhnter.
3. Friedensmonteure und der vergessene Grund
„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Frieden stiften – das ist kein passives Geschehen. Hier steht im Griechischen ein Tätigkeitswort: εἰρηνοποιοί – Friedensmacher/innen. Das meint Menschen, die aktiv daran arbeiten, dass Beziehungen heil werden. Eine Verbindung von Handwerk und Poesie. Installateure für Versöhnung. Künstlerinnen des Hinhörens und Verstehens.
Um Brücken zu bauen, Versöhnung zu installieren, braucht es eine Basis. Einen tragfähigen Grund – über das Trennende von Schuld und Gewalt hinweg. Biblisch gesprochen ist dies der Glaube an Gott. Das tiefe Vertrauen, dass selbst mein ärgster Feind immer mehr ist als das. Mehr als die Summe seiner Taten. Mehr als das, was er oder sie aus sich macht. Nämlich Kind Gottes, geschaffen, damit wir gemeinsam als Geschwister leben.
Gerade in der aktuellen Zeit ist es unsere Aufgabe, davon zu erzählen: von Gott als vergessenem Grund der Feindesliebe. Und als Friedensmonteur/innen an Entfeindung zu arbeiten. Frieden stiften – das meint: „Ent-Feindung“ lernen. Im anderen Gottes Kind sehen. Und so selber als Kinder Gottes leben.
4. Von der Wechselwirkung der Güte
„Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Dieses Wort folgt einem tiefen Grundzug der Bibel. Wer Barmherzigkeit lebt, erfährt selbst Barmherzigkeit. Im Hebräischen sind Barmherzigkeit und Gerechtigkeit eng miteinander verknüpft. Quasi zwei Seiten derselben Medaille. Gerechtigkeit, Gemeinschaftstreue:
– Sie gehört zu den zentralen Eigenschaften Gottes.
– Sie ist uns Menschen aufgetragen.
– Und sie hat konkrete gesellschaftliche Folgen.
Barmherzigkeit meint mehr als steuerlich absetzbare Wohltätigkeit. Es meint die Herstellung von Gerechtigkeit. Das Recht für die Schwächsten leben, auch wenn sie es selbst nicht einfordern können. Das stellt Strukturen und Hierarchien in Frage. Auch Flüchtlinge und Flaschensammler haben Namen, Rechte, Würde, Ansehen. Barmherzig sein – d.h. um Gottes willen Würde und Rechte jedes Menschen zu achten.
Wir leben in einer Welt, in der niemals alle gleich sein werden. Aber niemand darf jemals so behandelt werden, als wenn Gottes Gerechtigkeit für ihn oder sie nicht gelte. Und das Wissen darum, dass wir letztlich alle Bettler sind, kann helfen, das zu leben. Mit anderen so umgehen, wie Gott mit uns umgeht. Das ist unsere Aufgabe. Wer Barmherzigkeit sät, verändert die Welt.
5. Die Sache mit dem Himmel – oder: It’s not over, until it’s over. Until all is good.
„Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“
Die Seligpreisungen sind kein naiver Text. Sie sind Hoffnungsliteratur. Sie verschweigen die Realität nicht. Die Armen sind noch arm. Die Verfolgten werden noch verfolgt. Es ist noch lange kein Frieden. Aber genau deshalb erzählen sie von Hoffnung – und vom langen Atem, den sie braucht.
Hoffnung braucht gelebte Praxis, in der das Kommende gegenwärtig ist. Wie Jugendbegegnungen, die Erinnerung lebendig halten gegen das Vergessen. Offene Kirchen und Synagogen, die zum Dialog einladen. Pilgerwege, die Menschen verschiedener Religionen gemeinsam gehen. Frech achtet die Liebe das Kleine – und die Hoffnung das Konkrete.
Die Seligpreisungen sind Ermutigungen, an dieser Hoffnung festzuhalten. Sich Gott entgegen zu sehnen. Den Glauben wahr zu leben – allem anderen zum Trotz. Am Ende wird einmal alles gut sein. Und solange es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.
Am Berg sind wir gemeinsam gestartet. Zu Bergen sind wir weiter unterwegs. Jüdinnen und Juden sind gegenwärtig auf dem Weg von Purim zu Pessach. Der Beginn der Freiheit, hin zum Berg der Weisungen. Als Christ/innen sind wir in der Passionszeit, auf dem Weg zur Karwoche, nach Golgatha. Dort hat der Bergprediger gelebt, was in den Seligpreisungen verheißen ist. Pointiert formuliert: Wir müssen uns den gekreuzigten Christus – im Sinne der Seligpreisung – als seligen Menschen vorstellen.
Wichtig ist, dass wir auf unseren unterschiedlichen Wegen beieinanderbleiben.
– Im offenen, ehrlichen Dialog.
– In der gemeinsamen ungestillten Sehnsucht nach Gerechtigkeit.
– In der täglichen handwerklichen Produktionsgemeinschaft für den Frieden.
– Schulter an Schulter gegen jede Form von Hass und Gewalt.
Damit in unserer Gesellschaft alle Menschen die Barmherzigkeit Gottes erfahren und wir gemeinsam als Kinder Gottes offenbar werden. Dazu helfe uns Gott. Amen.
[Der Impuls wurde ursprünglich als Andacht im Rahmen einer jüdisch-christlichen religiösen Feier anlässlich der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2026 gehalten.]
Theologische Impulse (198) von Präses Dr. Thorsten Latzel
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