Rheinisches Friedensforum: Reflexionen zur EKD-Denkschrift

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat im November 2025 eine neue Friedensdenkschrift mit dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ veröffentlicht, die viele Fragen aufwirft und nicht nur Zustimmung findet. Raum für kritische Anfragen gibt es beim Rheinischen Friedensforum, das am 7. März 2026 in Bonn stattfindet. Drei der Autor*innen – Professor Jörg Hübner, Dr. Dirck Ackermann und Professor Andreas Paulus – werden dort das Grundlagendokument vorstellen. Hier anmelden

Orientierung, die diskutiert werden darf

Für ekir.de beschreibt Kirchenrätin Frauke Laaser im Interview, wie die neue Denkschrift zur Meinungsbildung bei friedensethischen Fragen beitragen kann.

Kirchenrätin Pfarrerin Frauke Laaser ist als Dezernentin in der Abteilung Theologie und Ökumene im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland unter anderem mit Friedensthemen beauftragt

Die EKD hat kürzlich eine neue friedensethische Denkschrift veröffentlicht. Warum war es nötig, diese neu zu fassen?

Frauke Laaser: Die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlicht in größeren Abständen immer wieder Denkschriften zu verschiedenen Themen. Sie sind einerseits eine Form der Positionierung angesichts der aktuellen Lage in Deutschland, in Europa oder in der Welt zu einem Thema. Andererseits bieten sie für Menschen eine ethische Orientierung – die auch diskutiert werden darf. Für die aktuelle Denkschrift war der russische Angriff auf die Ukraine der vorrangige Anlass. Der Angriff hat viele Menschen sehr erschüttert und auch verunsichert. Der Rat der EKD beschloss wenige Monate nach dem Angriff Russlands die Arbeit an den friedensethischen Grundlagen.

Wo sehen Sie Unterschiede zur Denkschrift aus 2007?

Laaser: Als Erstes fiel mir die Verschiebung im Ansatz auf. Wie schon 2007 geht die neue Denkschrift vom Leitbild des Gerechten Friedens aus. Die vier Grundkoordinaten, aus denen sich das Leitbild des Gerechten Friedens zusammensetzt, werden im Unterschied zu 2007 nun aber gewichtet. Der Schutz vor Gewalt ist vor die drei anderen Koordinaten gerückt: den Schutz von Freiheit, den Abbau von Ungleichheiten und einen friedensfördernden Umgang mit Pluralität. Und der Gerechtigkeit und Pluralität ist wiederum der Schutz der Freiheit vorangestellt. Zuvor standen alle gleichwertig nebeneinander und ließen Raum für unterschiedliche Akzentuierungen. Man könnte auch sagen, dass die Verhältnisse 2007 unscharf blieben. Durch die Gewichtung ergeben sich jetzt andere Konsequenzen und Ableitungen.

Zum Beispiel?

Laaser: Eine andere Haltung zu Nuklearwaffen. Diese sind in der Denkschrift weiterhin als „ethisch in keiner Weise zu legitimieren“ benannt. Ihr Besitz könne aber dennoch „politisch notwendig“ sein. Nachzulesen ist das in den Abschnitten 144 und 145. Das war 2007 undenkbar. Ein weiterer Unterschied liegt in einer anderen Sicht auf globale Zusammenhänge. Die aktuelle Denkschrift betont die Wichtigkeit eigener militärischer Stärke. Sie trägt der Realität Rechnung, dass sich etliche Staaten überhaupt nicht (mehr) um die Geltung internationalen Rechts scheren. In der Denkschrift von 2007 wurde dagegen das internationale Recht als etwas weltweit Verbindendes und Verbindliches betont, das es zu stärken gilt.

Gibt es weitere Unterschiede?

Laaser: Ja. Vielleicht sind das für manche nur Kleinigkeiten, aber ich finde positiv, dass sie erwähnt werden: Zum ersten Mal wird in einer friedensethischen Denkschrift der Begriff Ökozid verwendet. Der Begriff zeigt eine Möglichkeit auf, wie die Zerstörung der Schöpfung benannt werden kann und dadurch auch anklagbar ist. Ein weiterer Unterschied tut sich beim Thema Wehrdienst/Dienstpflicht und der Frage, wer ihn leisten soll, auf. Die Denkschrift 2025 verweist darauf, dass Frauen in dieser Gesellschaft eine große Last tragen, etwa durch den Renten-Pay-Gap oder in der Care-Arbeit. Sie merkt somit eine schon lange vorhandene Ungerechtigkeit an und dass diese in die Diskussion um eine allgemeine Wehrpflicht mit einbezogen werden müsse. Auch das finde ich positiv.

Nach ihrer Veröffentlichung gab es Kritik an der Denkschrift, gerade von Friedensorganisationen, die den Fokus zu sehr auf militärischer Verteidigungsfähigkeit sehen. Sehen auch Sie kritische Punkte?

Laaser: Als Theologin irritiert mich die neue Gewichtung der Koordinaten des Gerechten Friedens. Wenn ich in der Bibel in Jesaja 32, 17 lese, dass die Frucht der Gerechtigkeit Friede sein wird, dann kann ich nicht nachvollziehen, dass der Schutz vor Gewalt beim Weg zum Gerechten Frieden eine Priorität haben soll. Ich versuche das mal sehr vereinfacht zu sagen: Zoff im Kinderzimmer entsteht unter anderem, wenn es nicht mehr möglich ist, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Gerechtigkeit meint nicht, dass Spielzeug mehrfach vorhanden sein muss! Sondern dass es ein „Erst du, dann ich“ oder eine andere Art von Verabredung geben muss. Wenn der Schutz vor Gewalt jedoch Priorität hat, frage ich mich, wie die Friedensbildung diese Verschiebung im Leitbild umsetzen soll. Und Friedensbildung beginnt im Kinderzimmer. Reicht es aus, wenn das Ergebnis „Hauptsache, nicht hauen“ ist?

Ungerechtigkeit ist latente Gewalt, behaupte ich mal. Wenn wir uns für Frieden einsetzen, wo sollen wir denn ansetzen: Schutz vor Gewalt oder Veränderung der Verhältnisse? Mir erschließt sich die Verschiebung im Ansatz nicht so richtig. Ich belasse es jetzt mal bei der Kritik an der Verschiebung im Ansatz.

Wie würden Sie die Denkschrift beschreiben?

Laaser: Für mich ist die Friedensdenkschrift eher eine Streitschrift. Sie ist ausdrücklich zur Diskussion und zum Widerspruch geeignet. Im Vorfeld der Entstehung der neuen Friedensdenkschrift gab es einen breit angelegten Konsultationsprozess und ich gehe davon aus, dass auch die Autor*innengruppe sich nicht in allen Punkten sofort einig war. Diese Art der Beschäftigung ist vielleicht auch gewünscht, um einen Meinungsbildungsprozess zu friedensethischen Fragen in Gang zu setzen.

Wie kann dieser Prozess ausschauen, zum Beispiel in Gruppen und Gemeinden?

Laaser: Gemeindekreise könnten ein Kapitel oder eine These der Denkschrift gemeinsam lesen und darüber diskutieren. Das bietet sich auch für den Religionsunterricht in der Oberstufe an. Dort könnten junge Menschen etwa besprechen, ob die Friedensdenkschrift Maßstäbe setzen kann, sich für oder gegen einen Wehrdienst zu entscheiden.

Anfang März 2026 veranstaltet die Evangelische Kirche im Rheinland zusammen mit der Akademie ein Friedensforum. Das hieß bisher Friedenskonferenz, aber wir haben das umbenannt. Wir werden die Denkschrift durchgehen, zusammen mit Prof. Dr. Jörg Hübner, der daran mitgewirkt hat. Der Studientag zielt besonders auf die Arbeit von Lehrkräften, da friedensethische Fragen in Nordrhein-Westfalen zur Prüfungsordnung für das Abitur gehören. Aber auch andere Interessierte sind herzlich willkommen!

Wird sich die Evangelische Kirche im Rheinland weiter mit der Denkschrift beschäftigen?

Laaser: Ja, das ist geplant. Der ständige Ausschuss für öffentliche Verantwortung hat im Frühjahr eine AG Frieden eingesetzt. Diese Arbeitsgemeinschaft wird sich bei ihrer nächsten Sitzung mit der Denkschrift befassen und einen Vorschlag für den Ausschuss machen, wie damit weiter verfahren werden soll. In welche Richtung dieser Vorschlag gehen wird, ist derzeit völlig offen. Ich bin also gespannt auf den Austausch und darauf, wie andere Menschen in der rheinischen Kirche die Denkschrift wahrgenommen haben.

Friedensethische Denkschrift

Weitere Informationen zur aktuellen Friedensdenkschrift der EKD „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ finden sich auf der Internetseite der Evangelischen Kirche in Deutschland. Dort steht die Broschüre auch als Download zur Verfügung.

Auf der Internetseite www.friedensbildung.ekir.de bietet die Evangelische Kirche im Rheinland Hinweise und Informationen zu aktuellen Themen der Friedensbildung.

 

  • 02.02.2026
  • Simone Becker
  • EKD