Präses goes Karneval – Was Karneval und Protestantismus verbindet: eine Annäherung

Als Protestant, noch dazu aus dem reformierten Wittgenstein, ist mir der Karneval nicht gerade in die Wiege gelegt. Wir können mehr Katechismus als Kostüme. Wobei das nicht die ganze Wahrheit ist: Meine Eltern lernten sich beim Karneval kennen (Papa Cowboy, Mama Dirndl). Unser katholischer Vater hat sein Bestes gegeben, uns Kinder karnevalistisch zumindest etwas zu bilden. Und an unserer Internatsschule kamen viele Interne aus dem Rheinland – mit entsprechenden Wallungen während der fünften Jahreszeit. Dieses Jahr fahre ich an Rosenmontag auf dem interreligiösen Toleranzwagen mit, zudem ist eine Fußtruppe von uns für den Düsseldorfer Kirchentag 2027 dabei (Fotos folgen). Zeit also für eine protestantische Annäherung.

Was Karneval und Protestantismus verbindet:

  1. Die Welt heilsam auf den Kopf stellen.

Im Karneval gelten andere Regeln. Die Mächtigen bekommen ihr Fett weg. Die Politik wird entmachtet. Die Straßen sind bevölkert von Eisköniginnen und Star-Wars-Helden. Dass Autokraten wie Putin das nicht mögen, spricht für sich. Auch dem Glauben wohnt ein revolutionäres Wesen inne. Eine heilsame Umkehr der Verhältnisse: die Kritik von Herrschaft, eine Demokratisierung von Ämtern. Der urprotestantische Gedanke, dass alle Getauften Priester/innen, König/innen und Prophet/innen sind, drückt das aus. „Die Welt ist nicht heil, aber heilbar“ (Viktor Frankl) – durch Akte befreiender Subversion und die Liebe Gottes, die eine Torheit ist für diese Welt.

  1. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“

Karneval ist die wundersame Zeit, wenn die ältere Nachbarin sich plötzlich als Piratin entpuppt und der sonst eher zurückhaltende Postbote zum Drachen mutiert. „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, so Ödön von Horváth. Paulus beschreibt diese Glaubenshaltung einmal als „haben als hätten wir nicht“. Ich muss mich nicht zwanghaft an das klammern, was ich habe oder bin. Vielmehr bin ich frei, andere Seiten von mir zu leben – mich wie ein Segel zu entfalten. Metamorphosen aus Freiheit und Liebe zum Leben.

  1. Sich selbst und die anderen lieben, aber nicht zu ernst nehmen.

Humor gehört zu den schönsten Schöpfungsgaben, und dabei hat Gott es mit den Menschen im Rheinland besonders gut gemeint. Humor tut gut – gerade in Zeiten, wenn die Welt verrücktspielt und man im täglichen Nachrichtenfluss oft nicht weiß, wer hier eigentlich närrisch ist. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“: Das ist ein Grundgebot der Bibel. Seine rheinische Übersetzung: „Jeder Jeck es anders.“ Da steckt alles drin – eine tiefe Toleranz für die Macken der anderen und die Gabe, über sich selbst zu lachen. Oder frei nach Luthers letzten Worten formuliert: „Wir sind Jecken. Das ist wahr.“

  1. Das Wesentliche geschieht unterwegs.

Karneval ist ein Straßenfest. Menschen ziehen durch die Gassen, werfen Kamelle, singen, tanzen, feiern, als ob es kein Morgen gibt. Die Straße wird zum Lebensort. Mit Heinrich Heine gesprochen: „Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweiltdann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris“ – oder den rheinischen Karneval. Als Evangelische Kirche im Rheinland verstehen wir uns auch „synodal“ – zu deutsch: gemeinsam auf dem Weg. Wir gehen raus, sind nicht fertig, feiern mit anderen. Vielleicht sind geistliche Weggemeinschaften wie karnevalistische Straßenfeste etwas, was wir aktuell dringender brauchen denn je: in einer Zeit, in der wir öfter über „die anderen“ reden, als ihnen offen, freundlich zu begegnen.

  1. It’s just the beginning, it’s not the end.

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ – ein schönes Bild für die Vergänglichkeit allen Lebens. Und doch stimmt das nicht ganz. Dann beginnt nach dem Karneval die Fasten- und Passionszeit. Und beides braucht es: „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.“ (Röm 12,15) Karneval wie Fastenzeit stellen das Gewohnte in Frage, üben eine andere Haltung zum Leben ein, biblisch gesprochen: einen grundlegenden Sinneswandel. Das Wunder des Lebens fröhlich als Geschenk zu feiern – nackt wie David vor der Lade zu tanzen. Und mit Christus das Leiden aller Kreaturen zu teilen – sensibel für all den Schmerz in der Welt. Beides gehört zusammen. Im Vertrauen darauf, dass am Ende aller Tage eben nicht der Aschermittwoch steht, sondern der Ostersonntag. Dann wird Segen wie Konfetti über Gottes neue Schöpfung regnen. „Siehe, ich mache alles neu!“

 


Theologische Impulse (194) von Präses Dr. Thorsten Latzel

Bildnachweis: Evangelische Kirche in Düsseldorf

Weitere Impulse: www.glauben-denken.de
Als Buch: www.bod.de

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  • 14.02.2026
  • Thorsten Latzel
  • Red