Bonn. „Wir reden lieber mit den Netten als mit den Schwierigen“, sagt die libanesische Pfarrerin Najla Kassab bei einem Ökumene-Talk auf der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie macht Mut, auch mit radikaleren Vertretern anderer Religionen das Gespräch zu suchen. „Es geht nicht darum, sich abzugrenzen, sondern einen Dialog des Lebens zu führen. In der Hoffnung, dass sie sich durch die Liebe, die sie erfahren, verändern.“ Kassab ist Pfarrerin der evangelischen Kirche in Syrien und Libanon und ökumenischer Gast auf der Landessynode.
Im Talk erzählt Kassab von ihren Erfahrungen in einer Minderheitskirche und den Chancen, die darin liegen: „Eine Kirche kann klein sein und trotzdem eine große Rolle in der Gesellschaft spielen. Es kommt darauf an, wie sie sich selbst sieht.“ Kassab ist im Nahen Osten aufgewachsen, wo die evangelische Kirche immer schon in der Minderheit war. Im 19. Jahrhundert sei sie die erste im Osmanischen Reich gewesen, die Frauen den Zugang zu Bildung ermöglichte. „Damals war es eine Schande für Frauen, zur Schule zu gehen. Und eine kleine Gemeinschaft, die daran glaubte, dass sie eine Rolle spielt, änderte die Einstellung einer ganzen Nation.“ Heute sei es für Frauen beschämend, nicht zur Schule zu gehen.
„Die Schule ist die bessere Kanzel“
Auch heute spiele Bildung eine große Rolle in ihrer Kirche, die mehrere Schulen betreibt. „Wir sind eine multireligiöse Gesellschaft. Und Menschen anderer Religionen möchten, dass ihre Kinder auf unsere Schulen gehen, weil wir ein gutes Bildungsniveau bieten“, sagt Kassab. In den kirchlichen Schulen liege großes Potenzial für das gesellschaftliche Miteinander: „Die Schule ist die bessere Kanzel. Wir tauschen uns aus und teilen unser Denken“, erklärt sie. „Wir teilen unsere Werte. Das ist der Boden, auf dem Respekt füreinander wächst.“
Zur Person: Najla Kassab
Najla Kassab ist Pfarrerin der Nationalen Evangelischen Synode von Syrien und Libanon (NESSL) und leitet dort die Abteilung für christliche Bildung. Im März 2017 wurde sie ordiniert – als zweite Frau in ihrer Kirche. Von 2017 bis 2025 war sie Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen. Sie lebt mit ihrer Familie in Beirut, ihre Arbeit führt sie jedoch häufig nach Syrien.
