Mein Nächster. Eine Entdeckungsreise zu mir selbst

Manchmal liegen die größten Abenteuer gleich vor der Haustür. So ist das auch mit dem unbekannten Wesen meiner Nächsten, meines Nächsten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Das ist eins der christlichen Grundgebote, zusammen mit der Liebe zu Gott. Aber wer sich genau dahinter verbirgt, ist oft unklar. Was dann auch das mit dem Lieben schwierig macht.

„Wer ist denn mein Nächster?“ Die Frage wird Jesus einmal gestellt. Er antwortet darauf mit einer Geschichte: „Vom barmherzigen Samariter“. Kurzfassung: Ein Mensch wird unterwegs ausgeraubt, liegengelassen. Zwei Fromme gehen vorüber. Ein Fremder hilft. Das Interessante ist, dass man in der Geschichte von der anderen Person so gut wie nichts erfährt – außer, dass sie unter die Räuber gefallen ist. Im Zentrum steht ganz der Fremde, der Samariter. Er kommt, sieht, fühlt, pflegt, hilft.

Am Ende fragt Jesus sein Gegenüber zurück: „Wer ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen ist?“  Der Nächste ist hier nicht der Überfallene, sondern der Fremde. Oder genauer: Er wird zum Nächsten, indem er sich vom Leid des anderen bewegen lässt.

Nächste, Nächster werden – das ist eine Entdeckungsreise zu mir selbst. Und sie beginnt vor meiner Haustür. Wenn ich Nähe zu meinen Mitmenschen zulasse. Zu meinem Kollegen, der bei der Arbeit so anstrengend ist. Meiner Nachbarin mit ihren queren Ansichten zu Trump, Putin und Corona. Nicht werten, sondern erst mal wahrnehmen. Hinhören, was ihre Lebensgeschichte ist. Und reden. Miteinander statt übereinander. Das hilft. Aber fällt mir oft schwerer, als mir lieb ist. Ich werte schneller, als ich blinzeln kann. Meine, immer schon urteilen zu können. „Versteh mich nicht so schnell.“ Das gilt nicht nur für Kunst, sondern auch für meine Mitmenschen.

Wir müssen reden. Allein die Nachfrage „Hab‘ ich dich richtig verstanden …?“ kann wahre Wunder wirken. Und das Bemühen um Verständnis: Die anderen sind ja nicht doofer als ich. Sie haben andere Erfahrungen und Ansichten. Ein paar Meilen in ihren Schuhen gehen. Statt „Du hast aber gesagt“ ein „Ich verstehe, worum es dir geht“. Ob es dann – so Gott will – zu echtem Einverständnis kommt, liegt nicht in meiner Hand. Und manchmal ist es nur ehrlich, sich einzugestehen: „We agree to disagree.“ Aber wo ich anderen offen begegne, kann es – so Gott will – geschehen, dass ich mich selbst neu entdecke: als jemand, der wie der Fremde damals kommt, sieht, fühlt, versteht, hilft. Und so anderen zur Nächsten oder zum Nächsten wird.


Theologische Impulse (177) von Präses Dr. Thorsten Latzel

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  • 23.08.2025
  • Thorsten Latzel
  • Red