Düsseldorf. Als Konsequenz aus der 2023 vorgestellten Studie zum Martinstift in Moers hatte die rheinische Kirchenleitung eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung zum Thema „Sexualisierte Gewalt in den evangelischen Internaten im Bereich der Evangelischen Kirche im Rheinland“ beschlossen. Mitte vergangenen Jahres war in einem ersten Schritt ein öffentlicher Aufruf mit Bitte um Unterstützung durch Betroffene und Zeitzeug*innen erfolgt. Zugleich waren Kirchenkreise, Gemeinden und Schulen gebeten worden, nach Archivmaterial zu forschen. Mit diesem Monat hat jetzt die wissenschaftliche Aufarbeitung begonnen. Die Ergebnisse sollen im Frühjahr 2027 veröffentlicht werden.
Die Studie liegt in den Händen von PD Dr. Daniel Gerster und wird von Prof. Dr. Klaus Große Kracht von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg begleitet. Sie bezieht sich auf die evangelischen Internate, Alumnate und Schülerheime in Bad Godesberg, Burscheid, Dierdorf, Herchen, Hilden, Kaiserswerth, Meisenheim, Neukirchen-Vluyn, Neuss und Traben-Trarbach. Außerdem war die Evangelische Kirche im Rheinland zusammen mit der Evangelischen Kirche von Westfalen auch Trägerin des Wohnheims des Jung-Stilling-Instituts im westfälischen Espelkamp-Mittwald. Die Einrichtungen wurden zumeist in den 1950er Jahren eröffnet, haben zum Teil in den Folgejahren Trägerwechsel erlebt und sind inzwischen überwiegend wieder geschlossen.
Betroffenenperspektive wird einbezogen
Bei drei Internaten waren bereits Verdachts- bzw. dokumentierte Fälle sexualisierter Gewalt gegen damalige Bewohner und Bewohnerinnen bekannt. Inzwischen haben weitere Betroffene auf den Aufruf reagiert. Auch nach Beginn der wissenschaftlichen Aufarbeitung ist es weiter möglich, dass sich Menschen melden, die in den genannten evangelischen Internaten Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht haben. Sie können sich an die Ansprechstelle für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung der Evangelischen Kirche im Rheinland, den unabhängigen Verein Wildwasser e. V. oder die jeweiligen Vertrauenspersonen der Kirchenkreise wenden.
Weitere Hinweise auf sexualisierte Gewalt besonders wichtig
Die Durchführung der Studie erfolgt unabhängig von der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Forscher sind mit sexualisierter Gewalt als Forschungsthema vertraut und sichern eine verantwortungsvolle Gesprächsatmosphäre zu. Inhalte der Interviews als einem wichtigen Bestandteil der Studie werden vertraulich behandelt, die Bearbeitung erfolgt in anonymisierter Form. „Vor allem die Schulen haben uns mehrheitlich gute Rückmeldungen gegeben und es liegt bereits unerwartet viel Archivmaterial vor“, sagt Privatdozent Dr. Daniel Gerster, der die Studie leitet. „Aber besonders wichtig ist, dass Menschen bereit sind, uns noch weitere Hinweise auf sexualisierte Gewalt in den Einrichtungen zu geben. Die Studie betrifft mit der Bildung einen ganz wichtigen Bereich kirchlicher Arbeit und hat daher für die Aufarbeitungsbemühungen der Kirche eine besondere Bedeutung.“
