Samstagmorgen vor einer Woche. Und die erste Nachricht: Ein neuer Krieg. Wieder Bomben. Tote. Verletzte.
– Menschen, die fliehen, Angst haben, in Bunker flüchten – wenn es denn welche gibt.
– Die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt- und Folterherrschaft im Iran. Der Terrorgefahr für Israel und darüber hinaus.
– Zugleich der Schrecken, wie internationales Recht einfach so gebrochen wird.
Beispielgebend für China, Russland: Großmächte, die sich imperial verstehen?
– Diplomatische Verhandlungen, die eben noch als aussichtsreich galten, abrupt beendet.
– Die Unklarheit der politischen Ziele, der langfristigen Folgen.
– Willkürliches Eingreifen eines autokratischen US-Präsidenten, der für sich selbst den Friedensnobelpreis beansprucht und Lust an militärischer Gewalt gefunden hat: Venezuela, Iran, dann Kuba, Grönland?
Seit einer Woche weiten sich die Kämpfe, das Kriegen, das Bomben immer weiter aus. Und ich stehe da: versuche zu begreifen, zu beten, Hoffnung zu wahren, zu finden, zu geben. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Der Lärm unserer Zeit macht mir öfter zu schaffen. Vier Jahre Krieg in der Ukraine. Das Leiden im Gaza. Im Sudan. Im Kongo. Jetzt wieder Iran, Israel, Libanon, der ganze Nahe Osten. Das alles lässt mich selbst kaum zur Ruhe kommen. Dröhnt in mir weiter. Eine Art inneres Dauerpfeifen. Vielleicht erste Anzeichen eines Hoffnungs-Hörsturzes. Seelen-Tinnitus.
Und das, wo unsere Theologie und Gottesbeziehung wesentlich akustisch bestimmt sind. Wir sind als Evangelische ganz und gar „Kirche des Hörens“. Okay. Noch ein bisschen Schmecken beim Abendmahl, etwas Fühlen bei der Taufe. Aber das wars. Nix mit Sehen von Ikonen, Riechen von Weihrauch wie bei den ökumenischen Geschwistern. Wie wahre ich, wie wahren wir unsere Fähigkeit, auf Gott zu hören im Krach der Zeit?
Eine erste Form ist Stille. Die Stille hat von jeher eine besondere Rolle in der Begegnung mit Gott. In den Psalmen und biblischen Geschichten kommt sie immer wieder vor. Selbst in unseren Gottesdiensten taucht sie mitunter auf – in homöopathischer Dosis bei den Fürbitten – drei oder vier Sekunden lang, dann geht’s zum Vaterunser. „Wenn der Mund schweigt, spricht das Herz. Wenn das Herz schweigt, spricht Gott.“ So ein altes armenisches Sprichwort. Doch nun ist das mit unserem Herzen so eine Sache. So richtig ruhig ist es eben nie – bis es einmal Ruhe findet in Gott. Auch die Stille ist nicht wirklich still. Bei Elia ist es eine Stimme verwehenden Schweigens. Und Gott begegnet eben nicht nur in der Stille.
Eine zweite Weise, gegen den Lärm der Zeit anzugehen, ist Gegenlautstärke. Miriam haut die Pauke, David tanzt nackt vor der Lade, Saul fällt unter die Propheten. So wie etwa beim Karneval – närrisches Feiern gegen den alltäglichen Irrsinn dieser Welt. Das Laute, die Ekstase sind eine andere Weise, Gott zu spüren – oder können es sein. Mit Herbert Grönemeyer formuliert: „Ich mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn der Boden unter den Füßen bebt. Ich mag Musik nur, wenn sie laut ist, und wenn sie mir in den Magen fährt. Dann vergess’ ich, dass ich taub bin“ – allzu oft für Gottes Wort.
Und dann gibt es noch als Drittes den ganzen Bereich zwischen null und eins, zwischen laut und leise. Das Rauschen. Ein Bereich jenseits der semantischen Ebene von Reden, Verstehen, Bedeuten. Gott im Rauschen der Welt. Der Theologe Jörg Lauster beschreibt dies in seinem Buch „Der Heilige Geist. Eine Biographie“ so: „Das menschliche Dasein zeichnet aus, dass es sich in einer Welt ereignet, die nicht stumm ist. Aus der Welt steigt ein Rauschen auf, das Menschen anspricht, fordert, schreckt und beruhigt. Das Rauschen kann in einer klaren Melodie hervorströmen, es kann ruhig dahinfließen, es kann in einem plötzlichen Brausen hereinbrechen oder als ein dunkles Grollen das menschliche Welterleben fluten. Für dieses Rauschen hat das Christentum aus tiefer Vergangenheit eine Erklärung: Das Rauschen der Welt ist die Gegenwart des göttlichen Geistes. Denn Gott ist in der Welt präsent als Geist.“ Es ist die Erfahrung der Ruach, was hebräisch Wind, Atem, Hauch, Sturm und eben auch Geist meint. Mit Worten aus Apg 17, 27f.: „Fürwahr, Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“
Gott im Rauschen der Welt – jenseits des Lärms unserer Zeit. Das ist für mich persönlich ein großer Trost: Gott spricht zu uns, zu mir, permanent, auch wenn ich nicht still bin oder zur Ruhe kommen kann. Auch wenn es in mir pfeift, mein Herz unruhig ist. Gott begegnet mir im Knirschen des Schnees, wenn ich wie letzte Woche durch die Berge wandere. Im Ein- und Ausgehen meines Atems, im Schlagen meines Herzens. Ein Kollege erzählte bei der Tagung des Arbeitskreises Kirche und Sport der EKD in Sils von seiner Erfahrung beim Rudern auf der Alster. Wenn der Regen fällt und auf dem Wasser so ein leises Grundrauschen erzeugt. Gott – in der Stille, im Lauten und eben auch im Rauschen der Welt.
Vielleicht achten Sie heute einmal auf die Geräusche um sich. Am Morgen, wenn die Vögel wieder singen, beim Gehen, beim sich Schlafen legen. Und vielleicht können manche von ihnen auch für Sie zu Zeichen der Gegenwart Gottes werden. Tonspuren von Gottes heilsamem, bewahrendem Handeln – all dem Lärm unserer Zeit und dem menschlichen Chaos zum Trotz.
Gott lasse Frieden werden in unserer Welt.
Gott stärke unsere Kraft, Gewalt und Hass zu widerstehen.
Und Gott segne unsere Ohren, damit wir die Spuren seines Wirkens hören.
Amen.
Theologische Impulse (196) von Präses Dr. Thorsten Latzel
Bildnachweis: pixabay
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