Auch heute geht manchmal die ethische Orientierung verloren, was es heißt, christlich zu sein, menschlich zu sein, in der Nachfolge Jesu Christi die Würde jedes Menschen zu achten.
Damals, 1934, am Beginn der dunkelsten Zeit unserer Geschichte, haben Christ/innen in sechs Thesen klar Stellung bezogen gegen die totalitäre NS-Ideologie.
I. „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ So lautet die berühmte erste These von Barmen.
Jede Form von Nationalismus, von völkischem Denken, von politischer Ideologie ist damit unvereinbar.
Und dann geht es These für These, Schlag auf Schlag weiter – in theologisch ziemlich kompakter Sprache, die es geistlich in sich hat.
II. Jesus Christus ist in gleicher Weise Gottes Zuspruch wie Gottes Anspruch auf unser ganzes Leben. Es gibt keinen Bereich, in dem wir das mit der Liebe Gottes nicht so ernst nehmen müssten.
III. Als Christ/innen sind wir eine Gemeinde von Geschwistern, Kirche der begnadigten Sünder/innen. Alle unsere Worte, Taten und kirchlichen Ordnungen haben das zu bezeugen.
IV. In unserer Kirche gibt es keine Führer und keine Herrschaft der einen über die anderen. Als Gemeinde ist uns allen der Dienst anvertraut und aufgegeben.
V. Der Staat hat nach menschlicher Einsicht und Vermögen für Frieden und Recht zu sorgen. Unsere Aufgabe als Kirche ist es, an Gottes Reich, Gottes Gerechtigkeit und Gebot zu erinnern. Und zwar die Regierenden und die Regierten.
VI. Unsere Aufgabe ist es, an Christi statt die Botschaft von Gottes freier Gnade auszurichten an alles Volk. Wir haben keinen anderen Wünschen, Zwecken oder Plänen zu folgen.
Die Bekennende Kirche hat sich damals klar gegen die NS-Diktatur gestellt – und ihren Versuch, die Kirche mit ihrer menschenverachtenden Ideologie zu durchdringen.
– Gegen einen Arier-Paragraphen, der jüdisch-stämmige Mit-Christ/innen ausgrenzen und ihnen verbieten sollte, in der Kirche zu arbeiten.
– Gegen eine antisemitische Ideologie, in der der aberwitzige Versuch gemacht werden sollte, den Glauben von seinen jüdischen Wurzeln zu reinigen und ein deutsches Christentum zu fördern.
– Gegen einen Führerkult, der auch in der Kirche Geltung haben sollte – und gegen ein autoritäres Denken, das sich in der Einrichtung eines Reichsbischofs spiegelte.
Das alles hat die Bekennende Kirche – im Unterschied zu den Deutschen Christen – in der Barmer Theologischen Erklärung klar als Irrlehre und Widerspruch zum christlichen Glauben benannt.
Zugleich hat die Bekennende Kirche damals vieles aber auch nicht gesagt. Sie hat nichts gesagt zum Terror der SA, zu den Konzentrationslagern, zu der Verfolgung Andersdenkender. Um den Theologen und späteren Kirchenpräsidenten Martin Niemöller zu zitieren:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Am fatalsten war jedoch das laute Schweigen zur grausamen Verfolgung und Vernichtung von unseren jüdischen Geschwistern, von Sinti und Roma, von Homosexuellen, von allen, die aus Sicht der Nazis „irgendwie anders“ waren, und von Menschen mit Behinderung als sogenanntem „lebensunwertem Leben“.
Das wäre die notwendige siebte These gewesen – und das Schweigen dazu ist laut bis heute.
Mit Dietrich Bonhoeffer formuliert: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“
Die Barmer Theologische Erklärung konzentriert sich auf die theologische Abwehr nationalistisch-völkischer Irrlehren. Und es ist erschreckend, dass heute, 90 Jahre später, wieder Sätze bei uns geäußert werden, die ich nicht mehr für möglich gehalten hätte. Von Schuldkult, von einer Umkehr der Erinnerungskultur, von nationalistischem „deutschen Denken“, von der Ausgrenzung von Menschen, die angeblich „anders“ sind oder eine Behinderung haben, und von einem neuen, autoritären Führerdenken à la Trumpkult in den USA.
Um das klar zu sagen: Das alles ist nicht nur unsinnig und menschenverachtend. Es ist auch zutiefst unchristlich.
Jede Rede von einem christlichen Nationalismus oder einem deutschen Christentum widerspricht zutiefst dem Glauben an Jesus Christus.
Jesus Christus ist Jude. Nach der Weihnachtsgeschichte werden er und seine Eltern zu Flüchtlingen. Am Ende stirbt er am Kreuz unter der Tafel „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Unser Glaube stammt aus dem Morgen-, nicht aus dem Abendland. Jüdische Menschen sind nicht nur Mitbürger/innen, sondern unsere Glaubensgeschwister.
Und die eine, allumfassende Liebe Gottes kennt keine Grenzen, sie gilt allen Menschen. Die tätige Nächstenliebe und Hilfe ist die einzige Form, wie wir Menschen in Not begegnen. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Nun passiert es trotzdem, dass der innere Kompass im Leben mitunter durcheinanderkommen kann. Die Nachrichten von Krieg, Wirtschaftskrise, Klima, politischem Streit bieten ja hinreichend Anlass. Menschen haben Sorgen: um den Arbeitsplatz, die Miete, die Rente, den Spritpreis, die Schule der Kinder, die Zukunft überhaupt und im Allgemeinen. Man fühlt sich selbst unverstanden oder am Rand. Dann kommt auch noch die Bahn regelmäßig zu spät. Und wenn dann noch TikTok, Insta oder Facebook das ihre dazu tun, permanent krude Videos liefern und den größten, kontroversesten Unsinn am stärksten verbreiten, dann kann es leicht passieren, dass mein Herz verkrampft, mein Denken irre wird und dass wir vor allem mehr über „die anderen“ reden als miteinander.
Vielleicht kennen Sie das auch von sich selbst – oder von anderen. Bei Familienfeiern, im Sportverein oder auf der Arbeit spart man politische Themen am besten aus – oder es reicht schon ein Schlüsselwort und die anderen oder ich selbst sind angetriggert. „O, sie hat gegendert. Das ist auch so eine links-grün Versiffte.“ Oder: „O, der hat Deutschland gesagt. Das ist auch ein Nazi.“
Das aber sollten wir als Christinnen und Christen nicht tun. Wir achten aufeinander, hören zu, versuchen einander zu verstehen – so schwer dies oftmals ist.
Das Evangelium am Erntedanksonntag (Mk 10,17–27) erzählt die Geschichte von einer anderen Begegnung. Da kommt ein Mensch, bei dem der innere Kompass auch durcheinandergeraten ist. Es ist ein Mensch, der es offensichtlich ernst meint, der umgetrieben ist. Das merkt man an seiner Bewegung. Er kommt nicht nur. Er läuft herbei. Kniet vor Jesus nieder – mitten auf dem Weg. Versperrt ihm das Weitergehen. Und stellt ihm dann seine Frage: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“
Okay, das ist jetzt eine andere Frage als die politische, bei der es bei den Familienfeiern, im Sportverein oder auf der Arbeit zum Streit kommt. Aber eigentlich geht es bei den anderen, den politischen Streitfragen im Grunde auch darum. „Worauf kommt es eigentlich im Leben an? Woran richte ich mich aus? Wie gelingt mein Leben? Und was bleibt von mir am Ende und hat seinen Platz in der ewigen Liebe Gottes?“ Das ist eine Tiefenfrage, die sehr wohl etwas mit Arbeit, Miete, Klima, Krieg und dem allen zu tun hat.
Da kniet er also, dieser Suchende, ein Fragender wie Sie und ich, ein Mitmensch, der irgendwie spürt, dass da etwas fehlt, dass etwas anders sein müsste – und doch nicht weiß, wie. Und dann entspinnt sich eine der vielleicht zärtlichsten Begegnungen mit Jesus überhaupt, mitten auf dem Weg.
„Auf dem Weg“ – diese kleine Ortsangabe ist wichtig. Weil es nicht irgendein Weg ist. Markus erzählt in den Kapiteln acht bis zehn die Geschichte von Jesu Weg ans Kreuz. Dreimal sagt Jesus seinen Jüngern, dass der Weg nach Jerusalem in den Streit, das Leiden, den Tod und die Auferstehung führen wird. Seine Jünger begreifen gar nichts und streiten unterwegs nur darüber, wer von ihnen wohl der Größte im Himmel sein wird. Jesus heilt Blinde, die sehend werden und ihm auf seinem Weg nachfolgen. Und er begegnet eben diesem fragenden, suchenden Menschen, der sich vor ihm auf den Weg kniet.
Ihr Gespräch beginnt dann erst einmal mit dem Nicht-Verstehen. Das ist die Regel, damals wie heute. Jesus weist die Anrede zurück: „Was nennst Du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ Du bist auf dem falschen Weg, Fremder, wenn Du glaubst, ein Mensch könne aus sich selbst gut sein. Und dann verweist ihn Jesus auf die Gebote, um das eigene Leben zu gestalten.
Doch das ist offensichtlich nicht das Problem des anderen. So leicht lässt er sich nicht abwimmeln: „Meister, das alles habe ich gehalten von meiner Jugend an.“ Hier ist ein Mensch, der es ernst meint, der sich mit oberflächlichen Antworten nicht zufriedengibt. Und jetzt gewinnt die Begegnung an Tiefe und Zärtlichkeit. „Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb.“ In all den vielen Geschichten in den Evangelien wird dies nur hier, bei diesem beharrlich suchenden Menschen gesagt. „Und er gewann ihn lieb.“
Vielleicht geschieht das, weil Jesus selbst ein unbedingter Gott-Sucher ist bis ans Ende. Weil er sich in der Wüste, in Gethsemane, am Kreuz nie mit halben Wahrheiten abgegeben hat. Vielleicht weil Jesus – anders als bei seinen Jüngern – jemanden trifft, der ihn versteht und dessen Frage er seinerseits versteht. Und den er letztlich mit seiner Antwort einlädt, mit ihm seinen Weg zu teilen. „Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!“
Die innere Kompassnadel des anderen ist jetzt klar ausgerichtet. Aber es fehlt die Kraft, den Weg zu gehen. „Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.“
Im Grunde geht es hier genau um das, was in der zweiten These von Barmen formuliert ist:
„Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben.“
Es geht im Leben um mehr als darum, brav ein paar Gebote zu halten, pünktlich die Steuern zu bezahlen und ansonsten moralisch nicht aufzufallen. In der zweiten These heißt es weiter: „durch ihn [Christus] widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.“
Dazu fordert Jesus Christus hier den anderen auf: zur Freiheit von der Welt und zur liebenden Hingabe an die anderen Geschöpfe.
Dass der andere daran scheitert, es nicht vermag, wird mit seinem Reichtum in Verbindung gebracht. Je mehr du hast, desto schwieriger ist es, das alles aufzugeben. Doch im Grunde ist es uns als Menschen prinzipiell unmöglich, ganz aus Gott füreinander zu leben. Daran scheitern wir alle, immer wieder. Und klammern uns dann ängstlich an das, was unserem Leben Sinn, Halt und Erfüllung geben soll. Suchen Sicherheit im Reichtum, im Ansehen, im Beruf oder eben in meiner nationalen Identität.
Doch die Freiheit von den gottlosen Bindungen dieser Welt zur freien, liebevollen Hingabe an andere gewinne ich letztlich in Christus. Es ist ein Geschenk Gottes, wenn sich mir die Liebe erschließt, mein Herz weitet, meine Seele entkrampft und mir die Kraft gibt, dem Weg zu folgen, den Christus weist.
Bei uns Menschen ist das unmöglich, „aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“
Doch was heißt das nun für den Umgang mit den täglichen Alltagssorgen: Die Fragen nach Miete, Klima, Arbeit, Rente und der Pünktlichkeit der Deutschen Bahn werden durch die letzten, tiefen Fragen ja nicht einfach aus der Welt geschafft. Aber es hilft, wenn wir uns nicht von ihnen bestimmen lassen. Wenn wir lernen, anders mit all den Fragen und Sorgen umzugehen. Als befreite Kinder Gottes. Gott weiß, was wir alles brauchen. Und Gott sorgt für uns. Das feiern wir an Erntedank. Und Gott macht uns frei, dass wir uns um andere sorgen können.
Wir leben weiter – mit der fünften These gesprochen – in der „noch nicht erlösten Welt“. Aber Christus hat diese Welt überwunden, versöhnt, ein für alle Mal, und macht uns frei, anders mit ihr umzugehen.
Und das kann helfen – auch bei den politischen Gesprächen in der Familie, beim Sport, auf der Arbeit. Es ist gut, wenn wir nicht auf jeden Triggerpunkt des anderen reflexhaft reagieren. Wenn wir wirklich versuchen, einander zu verstehen. Nachfragen kann dabei helfen: „Was meinst du damit? Was ist deine Sorge, deine Angst?“ Wenn wir deutlich machen, wo für uns als Christinnen und Christen rote Linien sind: nämlich dort, wo die Würde eines anderen Geschöpfes Gottes verletzt wird und wo Hass und Hetze statt Liebe verbreitet werden. Wenn wir stärker auf das gemeinsame Wir achten. Und wenn wir in dem anderen den suchenden, fragenden Menschen erkennen, der genauso unfertig ist wie wir selbst, und diesen Menschen vielleicht sogar „liebgewinnen“.
Dort, wo uns das gelingt, sind wir mit Christus auf dem Weg und lassen uns vom Geist der Liebe leiten.
Als Christenmenschen leben wir aus dem Vertrauen auf den Gott des Friedens, den Schöpfer allen Lebens, und sind geleitet durch seinen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Unsere Aufgabe ist es, an Gottes Reich, Gottes Gerechtigkeit und Gebot zu erinnern – an eine Dimension, die alles andere übersteigt.
Dazu gehört – wie Barmen V es formuliert – die Verantwortung der Regierenden und der Regierten.
Wir leben – Gott sei Dank – in einer Demokratie und sollten als Christinnen und Christen alles dafür tun, sie zu erhalten.
Das heutige Erntedankfest kann auch ein Anlass sein, dafür zu danken, welche Freiheit uns politisch von Gott geschenkt ist. So wie Frank Walter Steinmeier das als Bundespräsident und reformierter Christ gestern am Tag der Deutschen Einheit formuliert hat: „Unser Deutschland ist ein gutes Land. Schaffen wir ein noch besseres.“ Dazu helfe uns Gott. Amen.
Theologische Impulse (205) von Präses Dr. Thorsten Latzel
Predigt im Gottesdienst anlässlich der Ökumenischen Aktionswoche zur Barmer Theologischen Erklärung in der Demokratiekirche Oberberg (4. Oktober 2026)
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