Geistliche Erschöpfung – und wie damit umgehen Wilde Gedanken in der Fastenzeit

  1. Es gibt eine Erfahrung von Erschöpfung in der Kirche – nicht nur auf Grund des allgemeinen Irrsinns in der Welt (Krieg, Klima, Trump), sondern auch als geistliche Erschöpfung auf Grund von fehlender Resonanz. Natürlich ist unser diakonisches Handeln weiter gefragt – unsere Kitas und Schulen sind gut besucht – wir sind als Akteur gesellschaftlich-politisch gut vernetzt. Aber Gott, Glaube, das Evangelium, warum wir das tun, ist immer mehr Menschen fremd bzw. herzlich egal.

„Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“ (Luk 5,5) Und weil wir jetzt weniger Fischer/innen sind und Boote haben, werden die Löcher in den Netzen noch weiter. In Abwandlung eines rheinischen Karnevalsliedes: „Wir haben oben große Sorgen, unten große Sorgen, vorne …“

  1. Die fehlende Resonanz betrifft dabei nicht nur, wie Evangelium, Glaube, Gott bei anderen ankommt oder nicht ankommt, sondern ob und wie das auch bei uns selbst geschieht.

„Meister, das habe ich alles getan von meiner Jugend an. Was fehlt mir denn noch?

Natürlich singen wir weiter unsere Lieder, halten unsere Andachten, … „The Show must go on.“ Doch der äußere Resonanzverlust hat mitunter auch einen inneren Resonanzverlust zur Folge oder zur Ursache.

  1. Die Differenz von fromm und unfromm, religiös und nichtreligiös ist nur von relativer Bedeutung. Zumindest theologisch. Wenn einer religiös indifferent ist, dann Gott. Das ist die Pointe der Rechtfertigung des Gottlosen bei Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche …“. Oder in den Evangelien: Gerade die Jünger/innen begreifen Jesu Weg zum Kreuz überhaupt nicht. Es sind die geheilten Blinden, die ihm folgen.

Ich glaube oft weder den Frommen ihren Glauben, noch den Unfrommen ihren Unglauben. Die Frage der existentiellen Gottesbegegnung liegt quer zu unseren Kategorien. In Anlehnung an Bonhoeffer formuliert: Gott schafft es, selbst mit meinen Tugenden und meiner Frömmigkeit klarzukommen.

  1. Ich glaube, Gott kommt sich manchmal von uns religiös verschaukelt, verhohnepiepelt vor. Als käme es auf meine, unsere religiöse Gefühligkeit an: „Ich mag das Geplärr eurer Lieder nicht hören.“ Und auch nicht eure irischen Präpositional-Segen. Eure gefühligen religiösen Texte, eure theologischen Wortspielereien, eure ethische Selbstbestätigung. Ich will von euch nicht religiös narkotisiert werden.
  2. By the way: Wenn Gott – die eine all-umfassende Liebe, der Schöpfer Himmels und der Erden, der Herr von Zeit und Raum – eine überraschende Affinität gerade zu meinen eigenen parteipolitisch-weltanschaulichen Präferenzen hat, sollte mir das hermeneutisch zu denken geben. Wo ist da die Ferne, die Fremde, die Zumutung Gottes? „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.“ „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“ Wo ist der Gott, der Jakob am Jabbok anspringt wie ein Flussdämon, der Hiob versuchen lässt, von dem Christus sich am Kreuz verlassen fühlt? Und wie sollen wir mit einem handzahmen, stubenreinen Gott die widerstreitenden Erfahrungen unserer Zeit verarbeiten („mit Corona hat Gott nichts zu tun“)?
  3. Vielleicht schweigt Gott viel öfter, als ich das in meiner religiösen Geschäftigkeit wahrhaben will. Wir reden und reden und reden – weil wir das Schweigen Gottes nicht aushalten wollen. Nach Luther ist die Anfechtung neben Gebet und Schriftmeditation einer der drei Grundbausteine der Theologie. Ohne sie erfährt man nicht, ob es denn wahr ist.
  4. Wir machen in all unseren Kirchen aktuell viele strategische Finanzprozesse. M.E. brauchen wir mindestens ebenso dringend einen strategischen Theologieprozess. Einen geistlichen Kassensturz: Wie sieht eigentlich unser theologischer Konto-Stand aus? Wie geistlich nachhaltig ist eigentlich meine Art, Glauben zu leben, zu denken, weiterzusagen?
  5. Um in der Fastenzeit mich selbst kritisch zu hinterfragen: Wie viel von dem, was ich persönlich predige oder als „Kommunikation des Evangeliums“ verbrate, ist geistlich dünne Suppe, fromme Gefühligkeit, Flucht in Formelsprache („um noch einmal Barth, Luther, Bonhoeffer zu zitieren“)? Ich kenne einen, der eine kannte, die mit einer befreundet ist, die schon einmal Gott begegnet ist. Mit Hiob: „Gott, ich kannte dich vom Hören-Sagen.“ Mich treibt die Sorge um, dass meine Form, evangelisch, protestantisch zu sein, schlicht langweilig geworden ist: moralisch richtig, existentiell ungefährlich, ästhetisch unterkomplex, intellektuell geht so.
  6. Wir sind ja mitten in der Passionszeit. Sieben Wochen „ohne Härte, mit Gefühl“. Echt jetzt? Wie klein soll die Münze eigentlich noch sein, in der wir zu kommunizieren versuchen? Braucht es uns dazu? Das ist so ähnlich wie bei den Losungen des Kirchentages: Gott und Jesus werden dabei herausredigiert.

Wie wäre es in diesem Jahr mit einem anderen Fastenmotto: Sieben Wochen ohne theologische Selbstverzwergung – 40 Tage leben, als ob es Gott gäbe.

Ich glaube an den Heiligen Geist –
der Wunder wirkt, Leben aus dem Nichts hervorruft
und selbst mit einem kleinen, dummen Herzen klar kommt.
Ich glaube an die heilige christliche Kirche, an die Gemeinschaft der Heiligen –
die große Hoffnungsgemeinschaft über alle Grenzen von Raum und Zeit hinweg,
in der es keine Rolle spielt, wer jemand ist, in der wir gemeinsam Brot, Leben, Segen teilen
Ich glaube an die Vergebung der Sünden –
die Basis für Frieden und Versöhnung mitten in unserer Welt mit all den vielen Orten der Gewalt.
Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben –
den Sieg der Liebe Gottes über alle Horizonte hinaus.

Und auch wenn ich immer wieder daran scheitere, zweifle, hadere, will ich nicht damit aufhören: „Fake it, till you make it.“ 40 Tage sind eine gute Zeit, um mich darin geistlich neu zu trainieren. Amen.

  1. P.S.: Und neben der Wiederentdeckung der Gottheit Gottes ist da die Sache mit dem sterbenden Samenkorn. Welche Dimension von mir kann, sollte sterben, damit etwas anderes aufersteht? Sterben klingt per se sehr negativ – aber es ist die Bedingung der Möglichkeit neuen Lebens.

Im Übrigen sind Wahrheitsfragen keine Mehrheitsentscheidung. Wie viel Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, sagt über die Wahrheit des Evangeliums nichts aus. Allerdings stellt sich die Frage, wie diasporafähig wir als Kirche sind. Ob unsere Rituale, Kommunikation, Handeln … eben auch funktionieren, wenn sie nicht die breite Praxis sind.


Theologische Impulse (197) von Präses Dr. Thorsten Latzel

Bildnachweis: Miguel Angel Castelan auf pixabay

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Als Buch: www.bod.de

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  • 14.03.2026
  • Thorsten Latzel
  • Red