Kennen Sie das? Sie kommen von der Kirche nach Hause, und wenn Sie jemand fragt, worum es in der Predigt ging, fällt Ihnen auf einmal nichts mehr ein. Wusch! Alles weg. Man hat mehr so ein gottesdienstliches Grundrauschen im Ohr. War irgendwie gut, aber genau weiß ich′s nicht mehr. Damit Ihnen und mir das nicht passiert, hier ein Satz, den Sie mitnehmen können – auch wenn Sie alles andere von dem Text vergessen: „Du bist kostbar!“ So lautet das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der nächstes Jahr bei uns im Rheinland stattfindet, und auch das Motto dieser Predigt. Vier Silben, drei Wörter, eine Nachricht. Lässt sich gut merken. Und vor allem: Es ist schön, wenn das jemand zu einem sagt. Probieren Sie das gerne einmal aus. Bei der Arbeit, in der Familie, in der Straßenbahn – sagen Sie einfach einmal Ihrem Gegenüber: „Du bist kostbar!“ Und achten Sie dabei bitte einmal darauf, was mit den Mundwinkeln bei Ihnen selbst und bei Ihrem Gegenüber passiert.
„Du bist kostbar!“ Das ist im Grunde die Urbotschaft der Bibel insgesamt.
– Gott sagt das am Anfang zu seiner gesamten Schöpfung: „Und siehe, es war sehr gut.“ Nach jedem einzelnen der sechs Schöpfungstage wiederholt Gott das: „Und siehe, wie kostbar.“ Und dann noch einmal, als alles fertig ist.
– Das ist die Erfahrung des Volkes Israel: „Du bist kostbar in meinen Augen!“ Gerade in Zeiten der Fremde, der Schwäche sendet Gott Menschen, um sein Volk aufzurichten und ihm Kraft, Mut, Segen zuzusprechen. Segen, das heißt, im Auftrag Gottes einem anderen die Kostbarkeit seines Lebens zuzusprechen.
– Und es ist das, was Jesus gegenüber allen Menschen lebt – ganz egal, woher sie stammen, wer sie sind, ob sie reich, arm, dick, dünn, schön, hässlich sind, ob sie mehr oder weniger gerecht leben. „Du bist kostbar – in Gottes Augen, für mich.“
– Und am Ende aller Zeiten – so ist unsere Hoffnung – wird Gott das einmal über das Leben von uns allen sagen – selbst dort, wo wir es vermasselt haben. Gütesiegel: „Besonders wertvoll“.
„Du bist kostbar.“ Das ist eine Wahrheit, die wir uns nicht selber sagen können. Genauso wie „Ich liebe Dich.“ Das muss einem zugesprochen werden. Und es ist etwas, worüber kein anderer Mensch verfügen kann. Nicht einmal wir selbst. „Die Kostbarkeit des Menschen ist unverfügbar – ebenso wie seine Würde. Sie zu achten und zu schützen, ist Aufgabe allen kirchlichen Handelns.“ Sie ruht im Auge des Betrachters, genauer gesagt: in den liebenden Augen Gottes. Und sie ist damit den Werturteilen aller anderen entzogen – eben auch unseren eigenen.
In den biblischen Geschichten wird das auf immer neue Weise beschrieben.
– Gott hat uns kostbar geschaffen – wir sind seine einzigartigen Kunstwerke. Jede und jeder von uns.
– Gott hat sein Leben für uns gegeben – unsere Freiheit ist teuer bezahlt. In Jesus Christus.
– Gott wohnt selbst in uns – unser Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes.
Wir sollten uns daher davor hüten, abschätzig von uns selbst oder anderen zu denken. Und damit die Kostbarkeit von uns selbst oder anderen zu verletzen. Das ist der Sinn aller Gebote: Du sollst Gott lieben – Gott allein ist Grund und Quelle der Kostbarkeit allen Lebens. Und Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Er, sie ist unendlich kostbar – wie Du.
Zugleich handelt die Bibel davon, wie schwer es fällt, dieser Zusage Gottes zu glauben, dass wir unendlich kostbar sind und uns das Leben einfach so geschenkt ist. Das ist zu schön, um wahr zu sein – und, als dass wir es glauben könnten.
Unser Grundfehler besteht darin, dass wir das unendlich kostbare Leben selbst erwerben wollen – und so seine Schönheit, seine Kostbarkeit kleiner machen, als sie sind, und am Ende verfehlen. Wahlweise halten wir uns dabei entweder für wesentlich kostbarer als andere – und versuchen, das uns selbst und allen anderen permanent zu zeigen. Das ist die narzisstische Variante: „Seht her, wie brillant ich bin. Make me great again. Amazing. Tremendous.“ Oder wir halten uns selbst für wertlos: Schön, toll, begehrenswert sind immer die anderen. Und alles, was die anderen besitzen: Ihr Aussehen, ihr Haus, ihr Leben. Das ist die verzweifelte Variante: „Oh, ich kleine, graue Maus! Niemand liebt mich.“ Beides wird weder Gott, noch mir selbst, noch den anderen gerecht.
Doch es gibt starke Kräfte im Leben, die uns dazu verleiten. Davon handelt etwa das Gleichnis Von der Saat auf den vierfachen Boden (Luk 8, 4–15): Das Gleichnis handelt von einem ganz normalen Vorgang des Säens damals – so wurde zu dieser Zeit gearbeitet – und davon, wie viel Samen dabei üblicherweise auf den Weg, den Felsen, unter die Dornen fällt und keine Frucht bringt. Die erste Pointe des Gleichnisses ist: Macht nichts, wenn einiges daneben geht. Das ist normal. Der riesige Gewinn von dem, was auf gute Erde trifft, wiegt das andere alles auf. Das kann sehr entlasten, etwa, wenn man an der Wirkung der eigenen Arbeit zweifelt. Auch an der Arbeit in der eigenen Gemeinde. Beim Säen geht viel verloren. Ist so. Das ändert aber nichts am Erfolg der Ernte.
So ist das auch bei Gottes Zuspruch: „Du bist kostbar!“ Jeden Morgen, Mittag, Abend spricht Gott uns das aufs Neue zu. Sät seinen Zuspruch unter uns. Die Sonne, die Erde, die Bäume, das Meer, die Vögel, die Blumen, der Wind: Sie alle erzählen uns ständig von der unendlichen Kostbarkeit unseres Lebens. Und auch wenn wir es allzu oft nicht wahrnehmen: Macht nichts. Das ist normal. Der riesige Gewinn, wenn wir es hören, wiegt das andere alles auf. Denn dann, wenn es in uns wirklich ankommt, ist das, wie wenn der Frühling mit vollem Wumms ausbricht. Dann sehe ich mit einem Mal die Welt, das Leben, mich selbst in tausend Farben. Brauche mich selbst nicht größer oder kleiner zu machen, als ich bin.
Und dann gibt es im zweiten Teil des Gleichnisses eine weitere, später hinzugekommene Pointe. Dabei wird der vierfache Boden auf unterschiedliche Hörer/-innen-Gruppen bezogen. Der Weg auf die Verhärteten, der Fels auf die Oberflächlichen, die Dornen auf die Sorgenvollen, und der gute Acker auf die Glaubenden mit einem offenen Herzen. So die spätere Erläuterung an die Jünger, die Jesus hier in den Mund gelegt wird.
Meine Erfahrung ist jedoch: Weg, Fels, Dornen – das sind nicht einfach andere Menschen, das sind alles Teile von mir.
– Da gibt es mein hartes Wege-Ich: Etwa, wenn ich unterwegs bin, U-Bahn fahre, mich abschotte, nicht alles an mich heranlasse. Vorbeilebe – an der Schönheit der Bäume und Blumen am Rand des Weges, ebenso wie an dem Menschen, der mit dem Pappschild am Bürgersteig sitzt und um Geld bettelt. Oder wenn ich Nachrichten schaue: etwa das Leid der Menschen in der Ukraine, nach vier Jahren Krieg, bei minus 20 Grad, ohne Heizung, mit ständig neuen Bombenangriffen. Dann macht mein Wege-Ich irgendwann zu. Weil es die verletzte Kostbarkeit des Lebens nicht ständig aushält. Ich würde schier verrückt werden.
– Da gibt es mein oberflächliches Felsen-Ich. Ich werde berührt von der Liebe, der Schönheit des Lebens, der unendlichen Kostbarkeit jedes Menschen. Beim Lesen eines Buchs, beim Lächeln eines Menschen. Frühlingswumms im Herzen. Und im nächsten Augenblick lebe ich wieder wie der letzte Dumm-Dödel, der von all dem nichts, aber auch gar nichts begriffen hat. Und halte meinen eigenen Bauchnabel für die Mitte des Universums. Oder zumindest für ziemlich nah dran.
– Und da gibt es mein dorniges Sorgen-Ich. Der Psychologe Jens Corssen hat dem den schönen Namen „Quatschi“ gegeben. Weil mein Sorgen-Ich eben permanent dazwischen quatscht – und mich so vom Wunder meines Lebens abhält. Neudeutsch: Overthinking. „Du wolltest doch noch Deinen Schreibtisch aufräumen, die Steuererklärung machen, Sport treiben, zum Arzt gehen, bei Deinen Freunden anrufen, die Mails beantworten – und vergiss bitte nicht die 37 anderen Punkte auf Deiner To-Do-List. Ach ja, und Du wolltest auch etwas gelassener sein. Ich sag´s ja nur.“ Das permanente Schielen auf die Gebrauchsanleitung des Lebens, bei der mir nur das Leben allzu leicht aus dem Blick gerät. Das alles gehört zu mir.
– Aber dann gibt es eben auch mein fruchtbares Acker-Ich. Wenn ich offen bin für Gott. Für seinen Zuspruch: „Du bist kostbar!“ Oder besser gesagt: Wenn Gottes Geist mich für sein Wort öffnet. Und es in meinem Herzen besagten Frühlingswumms gibt, weil sich mir die Kostbarkeit allen Lebens erschließt, die eine, allumfassende Liebe Gottes. Und das schließt dann meine anderen Seiten mit ein, mein Wege-, Felsen- und Dornen-Ich. Auch sie gehören mit dazu, wenn Gott zu mir sagt: „Du bist kostbar!“
Der Psychologe Jens Corssen beschreibt das als einen Akt des Lassens. Er geschieht besonders in Zeiten von Meditation und Gebet. Corssen wählt dafür das Bild eines Menschen, der im Meer schwimmt. Solange ich oben an der Oberfläche bleibe und mich abmühe, ist ständig irgendwas. Das Wasser kräuselt sich, Wellen schlagen mir ins Gesicht, eben besagte Quatschi-Unruhe. Doch wenn ich loslasse, abtauche, in die Tiefe gehe, dann kann ich etwas von der Weite und Tiefe des Meeres spüren. Davon, dass da Wasser ist, das mich trägt. In der tiefen Stille unter mir. So ist das auch mit Gottes Liebe, die mich trägt. Es ist gut, mich immer wieder in das Meer der Liebe Gottes zu versenken, von dem ich mich oben an die Oberfläche, in den kräuselnden Wellen tragen lassen kann.
Im Gleichnis wird dies am Ende so beschrieben: Ackerzeiten sind, wenn wir Gottes Wort „hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.“ Zwei Dinge sind hier wichtig:
Zum einen das „feine, gute Herz“. Das haben wir nicht aus uns selbst. Auch das ist eine Gabe Gottes. Gottes Liebe macht, dass wir zu Liebenden werden. Gott macht mein Herz fein, gut, hörfähig. All meiner eigenen Herzensblödigkeit zum Trotz.
Zum anderen: Um Frucht zu bringen, braucht es Geduld. Das griechische Wort dafür ist hypomoné, zu Deutsch: Darunterbleiben, die Fähigkeit zum Ausharren. Um die Kostbarkeit des Lebens zu spüren – die eigene, wie die aller anderen – braucht es Übung. Resilienz, innere Trotzkraft. Eben weil der Sorgen-Quatschi, meine Oberflächlichkeit und meine Herzenshärte mich immer wieder davon abhalten.
„Du bist kostbar!“ Das ist wichtig: als Zuspruch Gottes an uns – und als Zuspruch untereinander. Unsere Gesellschaft leidet im Augenblick oft an einer Misstrauenskultur und Empörungshaltung. Wir sind gut darin, bei den anderen immer genau zu sehen, was alles gar nicht geht: ob Impfen, Genderstern, Ukraine, Migration, Klimapolitik, Fleischkonsum oder Wehrpflicht. Wie würden sich unsere Diskussionen eigentlich ändern, wenn der erste, ernst gemeinte Satz wäre: „Du bist kostbar – denn Du bist anders.“? Wie würde sich unser Zusammenleben ändern, wenn ich der und dem anderen bis zum sicheren Erweis des Gegenteils erst einmal das Beste unterstelle? Das kann man für naiv halten. Oder christlich als einen Ausfluss der kreativen Liebe Gottes, die Menschen verändert, indem sie sie in ein anderes Licht stellt und anders anspricht. „Du bist kostbar!“ Wie würde ich mich ändern, wenn ich dem obdachlosen Menschen eben nicht nur eine Münze in den Hut werfe, sondern nach seinem Namen frage? Wenn ich nicht über die Migrant/-innen räsoniere, sondern in Begegnungscafés Menschen mit ihrer Fluchtgeschichte kennenlerne? Wenn ich nicht über Menschen anderer politischer Ansicht die Stirn runzele, sondern wirklich das Gespräch suche, so anstrengend das auch ist? Eben, weil sie alle kostbar sind.
Als Christ/-innen treten wir ein für eine Gesellschaft, in der wir ohne Angst verschieden sein können. Weil wir an Jesus Christus glauben. Er hat uns vorgelebt, unsere Feinde zu lieben. Hat vorbehaltlos mit allen anderen gegessen: Zöllnern und Sündern, Reichen und Armen, Kranken und Gesunden. Glauben heißt, miteinander essen zu können. So, wie wir das nachher im Abendmahl tun.
„Du bist kostbar!“ Das ist, wie eingangs gesagt, das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2027. Und auch wenn er – falls Sie aus Köln stammen – in der „verbotenen Stadt mit D“ stattfindet, sollten Sie sich die Tage vom 5.–9. Mai 2027 schon einmal rot im Kalender markieren. Und am besten bei Oma, Opa, Freundin, Nachbarn, Kindern, Enkeln und dem Hund gleich mit. Dann wollen wir mit über 100.000 Menschen feiern, beten, diskutieren und die Kostbarkeit jedes Menschen feiern.
Dann wollen wir gemeinsam als Rheinländer/-innen zeigen, was gute Gastfreundschaft bedeutet – und Segen wie himmlisches Konfetti über alle Menschen streuen, die uns besuchen kommen. Ein Glaubensfest feiern, das Hoffnung und Vertrauen in unsere Gesellschaft ausstrahlt. Für alle Gäste, für die rheinischen Gemeinden und besonders auch für alle Menschen, die sonst am Rande stehen. Und bis es soweit ist, lasst uns den Samen dieser Botschaft weiter säen:
Du bist kostbar – in Gottes Augen und für mich!
Theologische Impulse (195) von Präses Dr. Thorsten Latzel
Predigt zum Kirchentagssonntag am 8. Februar 2026 in der Christuskirche in Köln.
Bildnachweis: Kirchentag/Hans-Jürgen Bauer
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